Der Unterschied zwischen einem Rasul (Gesandter) und einem Nabiy (Prophet)

Nabiy bedeutet wörtlich »verkünden«. Gleichzeitig kann es auch »hoher Rang« bedeuten. Rasul bedeutet wörtlich »Gesandter«. Die Schar’i-Bedeutung dieses Wortes ist: »Jemand, der mit einer neuen Scharia zu den Kuffar geschickt wird.« Es ist zwar möglich, dass es diese Scharia zuvor bei anderen Völkern gab, für die Kuffar jedoch, zu denen der Gesandte geschickt wurde, ist sie neu. Es ist nicht zwingend erforderlich, dass dem Gesandten ein Buch offenbart wurde. Es ist ebenso möglich, dass der Gesandte mit dem Buch eines vorangegangenen Gesandten geschickt wurde. Ismail (as) z.B. war ein Gesandter, doch ihm wurde kein Buch offenbart. Er handelte nach der Scharia seines Vaters Ibrahim (as).

Ein Prophet und ein Gesandter unterscheiden sich hinsichtlich der folgenden zwei Aspekte:

a) Das Volk: Die Gesandten wurden zu den Kuffar, die Propheten jedoch zu den Muslimen geschickt.

b) Die Scharia: Die Gesandten verkündeten eine neue Scharia. Die Propheten verkündeten die Scharia der Gesandten, die entweder zuvor gesandt wurden oder die in der gleichen Zeit lebten wie sie.

Die unter den Gelehrten allgemein bekannte Definition zur Unterscheidung zwischen einem Propheten und einem Gesandten ist folgende:

»Der Prophet ist jemand, der von Allah (swt) zwar Offenbarungen erhält, jedoch keine Scharia, zu deren Verkündung er verpflichtet ist. Der Gesandte ist jemand, der von Allah (swt) sowohl Offenbarungen erhält, als auch eine Scharia, zu deren Verkündung er verpflichtet ist.« Diese Definition der Gelehrten ist jedoch aus den unten angeführten Gründen nicht ganz korrekt:

a) Allah (swt) sagt:

»Und o Mein Gesandter! Wann immer ein Gesandter und Prophet, den Wir vor dir geschickt haben, das Buch Allahs rezitierte, wollte der Schaytan ihrer Rezitation (im Verständnis der Zuhörer) falsches beifügen.«[1]

In diesem Vers teilt uns Allah (swt) mit, dass Er Propheten und Gesandte geschickt hat. Jemand, der zu einem Volk gesandt wird, ist beauftragt, etwas mitzuteilen und zu verkünden. Somit ist die obige Definition, laut der ein Prophet nicht zur Verkündung verpflichtet ist, nicht richtig, denn diesem Vers zufolge ist er dazu verpflichtet.

b) Der Gesandte Allahs (saws) sagte:

»Die Gemeinschaften wurden mir gezeigt. Ich sah einen Propheten, dem eine ganze Gruppe folgte. Ich sah einen anderen Propheten, dem nur ein oder zwei Personen folgten. Und ich sah einen Propheten, dem niemand folgte.«[2]

Dieser Hadith zeigt, dass auch die Propheten mit der Verkündung beauftragt waren. Wer ihnen gehorcht und sie bestätigt, wird am Tage des Gerichts mit ihnen zusammen sein. Und wer sie verleugnet und sich ihnen widersetzt, wird zu den Verlierern gehören. Kann man demnach behaupten, dass ein Prophet nicht mit der Verkündung beauftragt war?

c) Der eigentliche Zweck der Offenbarung ist die Rechtleitung der Menschen. Welchen Nutzen hätte eine Offenbarung, die den Menschen nicht verkündet wird? Denn die Menschen zu Zeiten der Propheten hatten großen Bedarf an Offenbarungen. Ihr Bedarf daran war sogar größer als der an Nahrung. Wie kann demnach die Verkündung einer so wichtigen Offenbarung nicht befohlen worden sein?

d) Ein Gelehrter ist dazu verpflichtet, die Scharia zu ver-künden, die Unwissenden zu belehren, dem Irregehenden den rechten Weg zu zeigen und dem Fragenden zu antworten. Allah (swt) teilte uns mit, dass Er jene bestrafen wird, die irgendetwas von Seiner Botschaft verheimlichen. Wenn dies für den Gelehrten gilt, wie kann es dann für die Propheten nicht gelten? Die Propheten sind erhabener und perfekter als die Gelehrten. Sie sind Personen, denen die Gelehrten gehorchen müssen. Denn die Gelehrten geben die Worte der Propheten wieder und verkünden deren Scharia.

Allah (swt) sagt:

»Allah nahm von den jüdischen und christlichen Gelehrten das Versprechen, den Menschen das Buch zu erklären und nichts darin zu verheimlichen, doch sie haben sich weder selber an das Buch gehalten noch haben sie es den Menschen erklärt. Sie haben ihr Versprechen für etwas sehr geringes (weltliches) eingetauscht (indem sie die Wahrheit in ihren Büchern verheimlicht und mit falschen Deutungen die Menschen irregeleitet haben). Welch schlechten Handel sie treiben, indem sie ihr Versprechen für etwas Weltliches brechen und die Wahrheit verheimlichen.«[3]

e) Allah (swt) sagt:

»Die Menschen (in der Zeit zwischen Adam und Nuh) waren eine einzige Gemeinschaft (vereint auf einem Glauben). Allah sandte (als unter ihnen der Schirk auftrat) Propheten als Verkünder einer frohen Botschaft (die jenen, die ihnen gehorchen, die frohe Botschaft des Paradieses verkünden) und als Warner (die jene, die sich widersetzen und auf dem Schirk bleiben, vor der Hölle warnen). Er sandte das Buch, das in allen Bereichen nur die Wahrheit mitteilt, das nichts außer der Wahrheit enthält und das die einzige Quelle darstellt, an die man sich wenden muss, um die Wahrheit zu erlangen, damit in allem, worin die Menschen uneinig sind, (gerechte) Urteile gegeben werden.«[4]

Der Gesandte Allahs (saws) sagte:

»Mir wurden fünf Dinge gegeben, die keinem Propheten zuvor gegeben wurden.« Dann fuhr er fort: »Der Prophet wurde zu einem bestimmten Volk gesandt. Ich jedoch wurde zu allen Menschen gesandt.«[5]

Dieser Vers und dieser Hadith beweisen, dass auch Propheten mit dem Auftrag der Verkündung zu den Menschen geschickt wurden. Diese oben aufgezählten Beweise zeigen, dass die allgemein bekannte Unterscheidung zwischen einem Propheten und einem Gesandten nicht ganz richtig ist. Ihre Bekanntheit ist kein Beweis für ihre Gültigkeit.


[1] al-Hadsch 52

[2] Muslim

[3] Al-i Imran 187

[4] al-Baqarah 213

[5] Bukhari, Muslim